Züchtertagung des Deutschen Imkerbundes 2009

Prof. Dr. Günter Pritsch Am 27. und 28. 3. 2009 fand in Neustadt an der Weinstraße die Züchtertagung des D.I.B. statt. Eingeladen hatte der Landesverband der Imker Rheinland-Pfalz. Nach einführenden Begrüßungsworten durch den Zuchtobmann des Landesverbandes Rainer Klug begrüßte der Präsident des Deutschen Imkerbundes (D.I.B.) Peter Maske die Wissenschaftler, Züchterkollegen, den Vorsitzenden des Landesverbandes Dr. Matthias Frey und das D.I.B.-Präsidiumsmitglied Prof. Dr. Rudolf Aldag. Der D.I.B.-Präsident drückte sein Bedauern aus, mit dem sog. „Begrüßungsschreiben" an die Bundes-Agrarministerin zu einem gespannten Verhältnis gegenüber den Wissenschaftlern beigetragen zu haben. Er hat an der Tagung der Arbeitsgemeinschaft der Institute für Bienenforschung teilgenommen und die vielen erlebten Vorträge als Bereicherung empfunden. Das Begrüßungsschreiben und das Verhältnis D.I.B.-Vorstand und Bieneninstitute nahmen einen breiten Raum in der sich anschließenden Diskussion ein. Friedrich Karl Tiesler leitete die Tagung als Sprecher der Zuchtobleute. Sein Amt als Zuchtbeirat des D.I.B. hat er vorerst niedergelegt. Die seit 50 Jahren jährlich stattfindenden Züchtertagungen werden zum großen Teil von den Bieneninstituten bestritten. Er selbst ist Mitglied in Gremien, wie der AG der Bieneninstitute und den Gesellschaften der Freunde der Institute Celle und Hohen Neuendorf. Abgesehen von dem strittigen Inhalt des Begrüßungsschreibens kommt es auf ein sachliches Miteinander im Interesse der Imkerschaft an. Der D.I.B. dürfe nicht gespalten werden, so Tiesler. In einer Abstimmung wird F.K. Tiesler das Vertrauen ausgesprochen. Er soll weiterhin der Sprecher der Zuchtobleute bleiben. Tiesler legt eine neu erarbeitete Geschäftsordnung der Züchtertagung des Deutschen Imkerbundes vor. Diese wurde verlesen und von den Zuchtobleuten der Landesverbände einstimmig gebilligt. Dr. Ralf Büchler, Bieneninstitut Kirchhain, stellte das BLE-Projekt „Auslese vitaler Honigbienen" vor. Die Bearbeitung erfolgt unter Mitwirkung mehrerer Wissenschaftler. Das Projekt beinhaltet Vitalitätsauslese unbehandelter Prüfvölker, Datenauswertung, Zuchtwertschätzung durch das Länderinstitut für Bienenkunde (LIB) Hohen Neuendorf und Zuchtplanung, Optimierung der Toleranzbelegstellen zur Verbreitung des Zuchtfortschritts (Institute Veitshöchheim und Kirchhain in Zusammenarbeit mit Belegstellen)., Informationstransfer und Kooperation (Kirchhain und alle Projektpartner). Die Selektionsstrategie ist zweistufig: 1. Auslese unter Praxisbedingungen 2. Vitalitätstest ohne Behandlung, Winterfestigkeit als Auslesekriterium, und Toleranzbelegstellen. Hier stehen die zahlreichen Drohnenvölker unter Befallsdruck Genutzt wird der Fitnessvorteil der widerstandsfähigen Völker. Die nicht geschädigten Drohnen kommen zur Paarung. Zur Zeit bestehen 6, Ziel sind 10 Toleranzbelegstellen. Die beteiligten Imker werden gefördert. Prof. Dr. Kaspar Bienefeld, LIB Hohen Neuendorf berichtete über Untersuchungen zum Einfluss des Alters der Königinnen auf die Qualität ihrer Nachkommen. Die Honigleistung eines Bienenvolkes sinkt im 2. Jahr ab infolge nachlassender Legeleistung, zunehmender Drohnenbrütigkeit und nachlassender Pheromonproduktion. Es kann auch zum embryonalen Frühtod kommen. Die Mortalität der Embryonen nimmt mit dem Alter der Königinnen zu, die Lebensdauer der Nachkommen der Königin nimmt ab. Zu den Ursachen zählt das mit dem Alter der Königin abnehmende Eigewicht. Das Eigewicht legender Königinnen schwankt, zunehmend mit ihrem Alter, innerhalb einer Stunde bis zu 100%. Arbeiterinnen aus leichteren Eiern durchlaufen die Arbeiten im Volk schneller. Auch das Sperma in der Samenblase altert mit der Königin. Bei Völkern mit älteren Königinnen sind die Winterverluste signifikant höher. Selbstverständlich sind ältere, leistungsgeprüfte Weiseln zur Zucht zu nutzen. Büchler erläuterte das Projekt „Coloss" = colony losses (Völkerverluste). Es handelt sich um ein Netzwerk, in das 120 Wissenschaftler aus allen europäischen Mitgliedsländern einbezogen sind. Die Arbeitsbereiche sind: 1. Standardisierung von Methoden zur Erfassung von Völkerverlusten und Krankheiten, 2. Bienenkrankheiten in Verbindung mit Stressfaktoren, 3. Bienenphysiologie in Beziehung zu Umwelteinwirkungen, auch Betriebsweisen, 4. Vitalität und Biodiversität von Honigbienen, evtl. fehlgeleitete Züchtung und nicht an die Umwelt angepasste Bienen. Haben wir noch Ökotypen? Was bringen uns Importe aus fernen Gebieten? Im Rahmen älterer Versuche stand der Vergleich verschiedener Carnica-Herkünfte. Heute interessiert besonders die Vitalität. Herkünfte von Italien bis Finnland sollen verglichen werden. Versuche auf der kroatischen Insel Unije (Toleranzbelegstelle) werden einbezogen. Viele Herkünfte sind unter gleichen Bedingungen zu prüfen. Bienefeld berichtete über die aktuelle Situation der Zuchtwertschätzung. Die Datenbank „beebreed.eu" ist internationaler geworden. Andere Länder und andere Rassen sind hinzugekommen. Bis jetzt befinden sich die Daten von mehr als 112.000 leistungsgeprüften Völkern in der Datenbank. Von dem im vergangenen Jahr geprüften Weiseljahrgang 2007 sind bundesweit 4376 Datensätze hinzugekommen. Der Zuchtwert von 105% für Honigleistung ist eine beachtliche Steigerung. Für das Merkmal Varroatoleranz wurden bisher 2 Zuchtwerte (Milbenfall nach Behandlung und Ausräumrate) ermittelt. Statt des Milbenfalls wird jetzt die Milbenentwicklung festgestellt. Deren Erblichkeit ist höher. Beide Merkmale stehen in Beziehung zur Überlebensdauer und bilden jetzt einen Zuchtwert für Varroatoleranz. Bienefeld setzt fort mit Ausführungen zum neuen Körschein aus der Datenbank des LIB. Im Rahmen des Internetprogramms kann der Züchter selbst einen Körantrag stellen und ausdrucken. Nach Bestätigung durch den Zuchtobmann kann er dann den auch ohne Unterschrift gültigen Körschein ausdrucken. Eine Voraussetzung ist die Pflege der Belegstellen-Datenbank. Vor dem Ausdruck sind unter „Seite einrichten" die Randbreite einzustellen und das Mitdrucken von Kopf- und Fußzeile zu verhindern. Auf Grund des züchterischen Fortschritts werden die Zuchtwerte zuchtwertgeschätzter Völker mit den Jahren relativ schlechter. Der Zuchtobmann kann die aktuellen Zuchtwerte als PDF-Datei abspeichern und erhält damit den ursprünglichen Zuchtwert. Bei Königinnen, die auf Toleranzbelegstellen verpaart wurden, sind viele 4a-Völker zum Einsatz gekommen. So kann die väterliche Abstammung nicht angegeben werden. Der Druck von Zuchtkarten der Arbeitsgemeinschaft Toleranzzucht (AGT) ist geplant, ferner eine Datenbank für AGT-Züchter. In einer gesonderten Datenbank für Toleranzbelegstellen sollen die einzelnen 4a ersichtlich sein. Ziele im BLE-Projekt sind u. a. die genauere Angabe zu Krankheiten und ein Zuchtwert für Kalkbrut. Angestrebt wird ein Gesamt-Zuchtwert für alle Merkmale. Danach geben die Züchter ihre individuelle Gewichtung ein, d.h. mit wie viel Prozent bestimmte Eigenschaften bewertet werden sollen. Es wird nochmals darum gebeten, die Winterverluste 2006/07 und 2007/08 von Königinnen aus der Leistungsprüfung mitzuteilen. Tiesler überreichte den Teilnehmern eine Übersicht mit Hinweisen zur Codierung von Zuchtlinien. Züchter aus Österreich und Slowenien hatten vor Jahrzehnten damit begonnen aus ihrer bodenständigen Carnica die besten Völker zu selektieren. Daraus sind Zuchtstämme wie Sklenar, Troiseck und Peschetz entstanden. Auf Grund weiterer Selektion durch Bieneninstitute und Züchter wurden – häufig in Verbindung mit bestimmten Belegstellen - aus den Stämmen die verschiedensten Zuchtlinien gebildet, die meist noch den ursprünglichen Stammesnamen tragen, der durch weitere Bezeichnungen ergänzt wurde. Häufig wurde der Linienname auch nach Kreuzung mit anderen Herkünften beibehalten, so dass es sich oft nur noch um Familiennamen mütterlicherseits handelt. In der Zuchtwertschätzung werden Inzuchtwerte von Arbeitsbienen und Königinnen berechnet. Daher ist die Linienbezeichnung zum Erkennen verwandtschaftlicher Beziehungen nicht mehr erforderlich. Die Codierung der Linien wird erfasst, geht aber nicht in die Bewertung ein. Trotzdem geben die Linienbezeichnungen noch wertvolle Hinweise auf die ursprüngliche Herkunft des Zuchtmaterials. Die Linienzucht hat sich bewährt und ist bei den Züchtern weit verbreitet. Bei der Codierung hat es jedoch bisweilen Schwierigkeiten gegeben. Deshalb erhielten die bekannten Linien eine Zuordnung zu den Nummern 1 bis 99, wobei noch freie Plätze für weitere Herkünfte einschließlich der Varroatoleranzzucht vorhanden sind. Bienefeld sprach zum Thema zentrale Erfassung von Körpermerkmalsdaten. Statt des bisherigen Weges ist vorgesehen, dass die Untersuchungsstelle die Merkmalsdaten unmittelbar in die zentrale Datenbank eingibt. Vorteile: Sichere Archivierung in der Datenbank, Möglichkeit des Ausdruckens durch den Züchter. Schnelle Information über zu körende und Geschwistervölker, Übersicht über die Qualität der Belegstellen im Verband und bundesweit, nachträgliche Kontrolle von Fehlpaarungen. Zugriffsrechte für Merkmalsuntersuchungsstelle: schreiben, lesen, drucken der eigenen Daten; für Landesverband: lesen und drucken der Daten des eigenen LV; für den Prüfer/Züchter: lesen, drucken der eigenen Daten. Die Einrichtung der Datenbank würde eine einmalige Finanzierung in Höhe von 3000 Euro erfordern. Es wird beschlossen, einen entsprechenden Antrag an den D.I.B. zu richten. Bienefeld informierte über geplante Versuche zur Konservierung von Drohnensperma. Gegenüber bisherigen Methoden des Einfrierens sollen neue Wege beschritten werden. Gedacht ist auch an eine Embryo-Sperma-Bank von Rassen, die vom Aussterben bedroht sind. Günter Pexa gab Hinweise zu Verbindungen zwischen der Datenbank „beebreed.eu" und dem Programm „Zucht-Buch" nach Pexa. Ab Zucht-Buch-Version 3.0 ist es möglich, die Ergebnisse einfach nach Hohen Neuendorf zu schicken. Zu den Vorzügen des Pexa-Programms zählen: Sortieren nach verschiedenen Kriterien, z. B. einzelnen oder mehreren Zuchtwerten (Zuchtziel) und Filtern nach einzelnen Kriterien, z. B. Landesverband, Züchter, Prüfer. Büchler berichtete von der Tagung der Arbeitsgemeinschaft der Institute für Bienenforschung (AG-Tagung) in Schwerin. Mit ihrer 56. Tagung hat die AG eine lange Tradition. Unter den 130 Teilnehmern waren auch Wissenschaftler aus Belgien, Dänemark, Finnland, Kroatien, den Niederlanden, Österreich, Schweden, der Schweiz und Tschechien. Den Hauptvortrag hielt der Neurobiologe Prof. Grünewald, Institut Oberursel, über Versuche am Bienengehirn. Praktische Bedeutung: z. B. Reaktion auf bestimmte Nervengifte, wie Pflanzenschutzmittel. Die weiteren 36 wissenschaftlichen Vorträge und 44 Poster befassten sich mit den Themen Physiologie und Verhalten, Bienenpathologie, Ökologie, Bestäubung und Pflanzenschutz, Bienenprodukte und andere Hymenopteren. Während der AG-Tagung fand eine Pressekonferenz statt, auf der D.I.B.-Präsident Peter Maske sich den Fragen der Vertreter der Bienenzeitungen über sein Verhältnis zu den Wissenschaftlern stellte. Prof. Dr. Hermann Pechhacker (Lunz, Österreich), berichtete über den Stand der Austrian Carnica Association (ACA). Er dankt dafür, dass die ACA als ein Landesverband akzeptiert und in die Datenbank aufgenommen wurde und hält die Zusammenarbeit mit der Arbeitsgemeinschaft Toleranzzucht (AGT) für sehr wichtig. In Österreich gibt es auch Gegenstimmen. So sind der österreichische Imkerbund und der Erwerbsimkerverband Mitglieder von „Biene Österreich", die bestrebt ist, eine eigene (kleine) Datenbank aufzubauen. Die ACA hat 1500 Datensätze aus der Leistungsprüfung des vergangenen Jahres geliefert. Steigerungen sind zu erwarten. 27 Belegstellen arbeiten mit ACA-Material. Die ACA will mit Hilfe der Belegstellen in Kroatien als Frühzucht 0-jährige Königinnen prüfen. Dirk Ahrend, Institut Kirchhain berichtete aus der AGT. Das Varroatoleranzprojekt besteht für 3 Jahre. Eine große Zuchtregistratur wurde angelegt. Die verschiedenen Regionalgruppen leisten unterschiedliche Arbeit. Bei der hessischen Gruppe finden Schulungen der Teilnehmer statt: Praxistage für Völkerbehandlung, Besamungsaktionen. Der Ringtausch gilt als Bereicherung, doch wurde von der Mitgliederversammlung beschlossen, von einem bisher verdeckten zu einem offenen Tausch überzugehen. Auch die obligatorische Anzahl von Prüfvölkern soll von 12 auf 8 herabgesetzt werden. Gutrun Timm, Imkerverband Berlin, hat die Fragebögen zum Zuchtgeschehen in den einzelnen Landesverbänden gesammelt und in bewährter Weise ausgewertet. Es wurden insgesamt 294 Reinzüchter und 76 Züchtergemeinschaften gemeldet, ferner 18 Insel- (9.096 Königinnen), 43 Linien- (30.121 Königinnen) und 56 Rassebelegstellen (15.262 Königinnen) sowie 68 Besamungsstellen (2760 Besamungen). Es gibt 54 Merkmalsuntersuchungsstellen (836 Bienen-, 505 Drohnenproben). Eine Zusammenstellung aller Meldungen wurde an die Teilnehmer ausgegeben. Die Arbeitstagung im Herbst soll am 14. 11. 2009 in Kirchhain mit dem Thema Linienzucht, die nächste Frühjahrs-Züchtertagung 14 Tage vor Ostern 2010 in Burg Stargard (Mecklenburg-Vorpommern) stattfinden.